eMail-Projekt mit finnischen Schülern in Espoo

Von Oktober 2001 bis Januar 2002 führten die Schüler an der Gaigo Oberschule in Yokohama/Japan eine Klassenpartnerschaft per eMail mit Schülern in Espoo/Finnland durch.

Links zu den offiziellen Schulseiten der beiden Partnerklassen:

Die Partnerschule in Finnland
Unsere Schule in Yokohama/Japan

In dieser Seite werden die Texte der Schüler in Finnland und Japan präsentiert (bitte die Landesfahnen links anklicken!) und die Ergebnisse des Projekts weiter unten auch aus Sicht der Projektleiter in beiden Ländern bewertet.

Mehr über das Leben an unserer Schule und die Aktivitäten der Schüler dort erfährt man in unserer Schulwebseite in deutscher Sprache.





1. Auswertung des Projekts vom Leiter der finnischen Gruppe

2. Auswertung des Projekts vom Leiter der japanischen Gruppe


Pentti Uitto

1. Auswertung des Projekts von Pentti Uitto
(Lehrer der Partnergruppe in Espoo/Finnland)

Das Projekt wurde Ende Oktober 2001 gestartet. Die Gruppe in Espoo bestand aus acht Schülern, die das sog. A-Deutsch lernen. Das heißt, die 14-15jährigen Schüler, jetzt in der Klasse 9, lernen Deutsch seit dem dritten Schuljahr, also sie sind im 7. Lernjahr. Die Projektzusammenarbeit der Gruppen schien mir und Herrn Grasmück aus Yokohama ideal, da seine Gruppe aus sechs Schülerinnen im Alter von 17-18 Jahren bestand.

Vorläufig planten wir, unsere Schüler Themen wie touristische Attraktionen der Heimat, nationale Feste und Feiertage, Kochrezepte behandeln zu lassen. Später schlug eine der Schülerinnen Herrn Grasmücks vor, ein Tagebuch über Ereignisse innerhalb einer Woche in ihrem Alltagsleben zu führen, was uns als eine ausgezeichnete Idee erschien. Außerdem fand eine Menge Individuellkorrespondenz statt. Uns standen zwei volle Monate zur Verfügung, und den vorläufigen Themenbereich haben wir auch im großen und ganzen behandelt.

Offensichtlich fällt finnischen Schülern Deutsch schwieriger als Fremdsprache als Schülern mit einer germanischen Sprache (Englisch, Holländisch, Schwedisch) als Muttersprache, da zwischen dem Finnischen und Deutschen sehr wenige Ähnlichkeiten im Bereich von Sprachstruktur und Wortschatz bestehen. Wir hatten gewisse Schwierigkeiten, dem Arbeitstempo der tüchtigen jungen Damen in Yokohama zu folgen, und deshalb habe ich meine Achtklässler gelegentlich mithelfen lassen, zumal die Gruppe der Neunklässler wegen eines Berufspraktikums eine Woche lang Unterrichtsausfall hatte.

Im traditionellen Unterricht mit dem Lehr- und Übungsbuch geht sich der mündliche und schriftliche Sprachgebrauch im sicheren Rahmen des jeweiligen Textes mit dessen beschränkten inhaltlichen Elementen und Wortschatz vor. Die SchülerInnen befanden sich jetzt in einer neuen Situation, wo sie auch kompliziertere Sachverhalte ausdrücken mussten. Dabei hatten sie besonders mit dem Wortschatz Schwierigkeiten, und brauchten vom Lehrer viel Unterstützung. Auch Grammatische Strukturen, die in isolierten Übungsbuchaufgaben beherrscht werden, waren den Schüler in der neuen Situation oft nicht geläufig. Im Allgemeinen behandelten die Schüler konkrete Sachverhalte aus dem Alltag.

Aus dem europäischen Referenzrahmen betrachtet, wird in Fremdsprachen als angemessenes Ziel des Unterrichts in der finnischen Gesamtschule angesehen, dass der Schüler in der Endphase, mit 15 Jahren, imstande ist, einfachen Text über konkrete Alltagsthemen zu produzieren, also die Stufe A3/B1 erreicht hat. Die Stufe B2 setzt die Fähigkeit voraus, detaillierte, informative Texte zu produzieren. Es schient mir, teilweise wurde von den Schülern Sprachleistung der Stufe B2 verlangt, weshalb sie eben viel Hilfe und Unterstützung brauchten. Die Unterrichtsgruppen der finnischen Gesamtschule sind heterogen, d.h. es gibt innerhalb der Gruppe Leistungsdifferenzen. Von verschiedenen Schülern kann der Lehrer varierende Leistung und auch Lernmotivation erwarten. Nach meiner Schätzung steht die Projektgruppe doch über dem Durchschnitt.

Es war tröstlich zu erfahren, dass die japanischen E-Mailpartner beim schriftlichen Ausdruck von Gedanken ziemlich ähnliche Schwierigkeiten hatten als die finnischen Schüler. Beide Gruppen haben hier und da "Muttersprache in deutschen Wörtern" geschrieben.

Heute wird Begegnung der Kulturen im Unterricht betont. Dieses Ziel wurde in dem Mass erreicht, als dies die Sprachbeherrschung der Schüler erlaubt. Verdienstvoll wurde Information über Sitten und Traditionen besonders von der japanischen Seite vermittelt. Im Individualkorrespondenz haben die finnischen Schüler einige Themen ziemlich unbefangen behandelt, zum Beispiel hat ein Schüler gefragt, ob man in Japan Hunde esse, wie in China. Ich als Lehrer hatte gewisse Zweifel, ob diese Frage von der Empfängerin eventuell als anstößig empfangen wird, habe dann doch Zensurmassnahmen unterlassen. Möglicherweise, hoffe ich, wurde der Kulturkontakt dadurch begünstigt. In der Umfrage über Deutschland haben viele Schüler bei der Frage über bekannte deutsche Personen den Namen Hitler erwähnt. Die Ursache wird wohl gewesen sein, dass in der achten Klasse gerade damals im Geschichtsunterricht der Zweite Weltkrieg und die Sowjet- und Nazidiktaturen behandelt wurden.

Im Laufe des Projekts haben gelegentlich ein paar gewissenhafte Schülerinnen darüber ihr Besorgnis geäußert, dass "das richtige Lernen" mit dem Lehrbuch durch das Projekt vernachlässigt werde. Doch am Ende des Projekts schienen sie zufrieden damit, etwas geschafft zu haben, was mehr als normal verlangt.

Mir als Lehrer war das Projekt deutlich ein großer Schritt weiter im Beruf. Weil bei uns alles etwas langsamer gelaufen ist, als in Yokohama, hat Herr Grasmück mit seiner Gruppe die ganze Zeit die Führung gehabt, er war immer ein paar Schritte vor mir. Die guten Ideen haben von ihm gestammt, wofür ich ihm sehr dankbar bin und auch ein bisschen schlechtes Gewissen habe. Doch kann ich mich nur sehr stolz fühlen, wenn ich mir die Projektseiten der beiden Gruppen im Internet angucke.

Espoo, den 30. Januar 2002

Pentti Uitto

Kultur - unbefangen




Markus Grasmück

2. Auswertung des Projekts von Markus Grasmück
(Lehrer der Partnergruppe in Yokohama/Japan)

Erläuterungen zum Hintergrund der japanischen Klasse

Ich führte dieses Projekt mit einer Gruppe von 6 Schülerinnen an einer Oberschule der Präfektur Kanagawa in Yokohama durch. Die Schülerinnen lernten im dritten Jahr Deutsch, wobei sie dieses Fach zuletzt nur noch als ein Wahlfach mit 2 Stunden pro Woche (jeweils 50 Minuten) am Freitag belegten. Für die Schülerinnen bildete die Teilnahme am eMail-Austausch mit der finnischen Gruppe ab Oktober 2001 zugleich den Abschluß ihrer Zeit als Oberschülerinnen, da sie alle ab April 2002 an Universitäten studieren werden.
Der Unterricht wurde gemeinsam von mir und dem japanischen Deutschlehrer an der Schule, Herrn Takafumi Kawaguchi, geleitet, da wir in allen Klassen nach der Teamteaching-Methode unterrichten. Die organisatorische Verantwortung für der Vorbereitung, Durchführung und Dokumentation des Projekts lag jedoch die ganze Zeit über bei mir.

Da die Gruppe hinsichtlich ihres sprachlichen Niveaus sehr heterogen war (eine Schülerin sprach nach mehrjährigem Aufenthalt in Hamburg ein mehr oder weniger muttersprachliches Deutsch und eine weitere hat letzten Sommer bei einem einmonatigen Aufenthalt in Deutschland ebenfalls einen großen Sprung nach vorne gemacht, während die anderen manchmal selbst mit der Bildung einfacher Satzstrukturen Schwierigkeiten hatten) hatten Herr Kawaguchi und ich seit Beginn dieses Schuljahrs im April 2001 versucht, diese Situation durch Wiederholung und Vertiefung der grundlegenden Grammatikkenntnisse mittels einfachen Lesetexten zu kompensieren.

Dabei wurde mir allerdings bald klar, dass die klassischen Lehrmethoden im Deutschunterricht (Arbeit mit dem Lehrbuch, Textarbeit, Übungen etc.) den Bedürfnissen der Klasse am Ende einer zwölfjährigen Laufbahn in einer japanischen Oberschule nicht länger gerecht werden. Gerade in der zweiten Hälfte des letzten Schuljahres in einer Oberschule werden die Schüler und Schülerinnen hierzulande von den Vorbereitungen auf diverse Aufnahmeprüfungen zum Übergang an die Universität derart beansprucht, dass sie in dieser Zeit zum mehr oder weniger passiven Totschlagen der Schulstunden neigen.
Um auf diesen Umstand zu reagieren und den Schülerinnen ein neues Feld zum Erproben ihrer bereits gewonnenen sprachlichen Fähigkeiten zu eröffnen, habe ich mich entschlossen, ihnen das Angebot zu einem projektorientierten Unterricht zu machen, was in der Klasse dann auch mit großer Begeisterung aufgenommen wurde.


Ablauf des Projekts

Bei der Suche nach einer geeigneten Partnergruppe habe ich mich an das in DaF-Kreisen bereits bekannte Bild-Projekt gewandt, was auch umgehend zur Vermittlung einer Partnerklasse in Polen geführt hat. Der Kontakt mit der polnischen Partnerklasse ist dann allerdings nach dem Austausch der ersten Vorstellungsmail abgebrochen, da danach, aus welchen Gründen auch immer, von dem Leiter der Klasse keine Nachrichten mehr eintrafen. In dieser Situation hat uns wiederum das Bild-Projekt gerettet und so konnten wir dann mit der Klasse von Herrn Pentti Uitto in Espoo/Finnland einen zweiten Anlauf wagen.

Die Tatsache, dass die dortigen Schüler im Gegensatz zu den hiesigen 17jährigen Schülerinnen erst 14-15 Jahre alt waren, fand ich akzeptabel, da meiner Erfahrung nach der Reifegrad japanischer Schüler im Vergleich zu dem von Jugendlichen in westlichen Ländern etwas hinterherhinkt. Die annähernd identische Gruppengröße unserer Klassen sprach jedenfalls für einen vielversprechenden, weil hinsichlich der konkreten Durchführung einfachen, Austausch.
Dass wir bei der Gestaltung des Projektverlaufs hier in Japan die meiste Zeit über die Nase vorn hatten, wie Pentti Uitto schreibt, lag einfach daran, dass wir für den ursprünglich geplanten Austausch mit der polnischen Klasse bereits eine Umfrage über Deutschland erstellt und an unserer Schule auch durchgeführt hatten, so dass wir uns nach dem Austausch der ersten Vorstellungsmail mit den Schülern in Espoo sogleich an das nächste Projektthema, eine Beschreibung von beliebten Orten in der Nähe unserer Schule (Fotos von unserem Alltag in Japan) machen konnten.
Bei der Erstellung dieser Arbeiten haben die Schülerinnen offenbar festgestellt, dass ihnen die Vermittlung ihrer eigenen Kultur Freude macht und so hat sich als Weiterführung dieses Ansatzes in einem umfassenderen Rahmen das Thema Feste und Feiertage in Japan angeboten.

An dieser Stelle war es dann an uns, auf die finnische Version unserer Umfrage über Deutschland, das Finnland-Quiz nämlich, zu antworten. Die Antworten der Schülerinnen schienen zu zeigen, dass sie sich bis dahin schon zu kleinen Finnlandexpertinnen entwickelt hatten. Da es zu dieser Zeit schon auf die Winterferien zuging, hatten wir uns entschlossen, die Erstellung des darauffolgenden Themas, das Japan-Tagebuch, den Schülerinnen als Hausaufgabe mit in die Ferien zu geben. Dieses Unterfangen war insofern interessant als die Schülerinnen dabei zum ersten Mal ohne die Hilfe von uns Lehrern zu Hause selbständig Texte verfassen mussten. Bei der Durchsicht der Ergebnisse hat sich dann auch gezeigt, dass einige Schülerinnen dieser Herausforderung sprachlich nicht gewachsen waren. Ich habe mich deshalb entschlossen, in zwei Fällen dem Originaltext meinen Korrekturvorschlag hinzuzufügen, damit die Texte zumindest für die finnische Gruppe verständlich bleiben.

Die Meinungen zu unserem Projekt in der Auswertung der Schülerinnen in Japan haben mich darin bestärkt, dass die gesamte Gruppe durch die Teilnahme an dem Austausch sowohl hinsichtlich der Verbesserung ihrer jeweiligen sprachlichen Fertigkeiten als auch im Hinblick auf ein vertieftes Verständnis der fremden bzw. eigenen Kultur profitiert hat.

Neben den großen Themenblöcken wurden auch immer wieder persönliche Mailnachrichten verschickt, was für den Prozeß des gegenseiten Kennenlernens von großer Bedeutung gewesen ist. Dass der Inhalt der eigenen Mail auf der finnischen Seite verstanden wurde und die Schülerinnen dann auf einzelne Fragen und Bemerkungen individuelle Reaktionen erhielten, war für sie ein großes Erfolgserlebnis. Die von Herrn Uitto erwähnte Frage aus der finnischen Gruppe, ob man hier in Japan Hunde esse, hat die japanischen Schüler übrigens eher belustigt als entsetzt. Einige Schülerinnen haben sich dann auch sogleich mit der Frage: "Esst ihr Wale?" revanchiert, obwohl sie genau wussten, dass es sich dabei um die Norweger handelt.

Um den Schülern in Finnland und Japan deshalb die Möglichkeit zu geben, auch außerhalb der Schule und ohne Aufsicht durch den Lehrer Nachrichten aneinander zu verschicken, habe ich im Internet ein Diskussionsforum eingerichtet. Davon hat hier in Japan jedoch nur eine Schülerin Gebrauch gemacht. Womöglich war bei den anderen die Hemmschwelle doch zu groß oder aber ganz einfach das Interesse an diesem ergänzendem Angebot nicht groß genug.


Zusammenfassende Bemerkungen

Nach dem etwa dreimonatigen intensiven Austausch mit der finnischen Klasse sehe ich die Vorteile eines solchen Projekts vorallem im Angebot eines gestalterischen Freiraums an die Schüler. Gerade japanische Schüler haben jedoch zunächst erst einmal Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieser Lernmethode, da sie der klassischen Unterrichtsform hierzulande, bei der die Lernenden eher zum passiven konsumieren der Lerninhalte neigen, widerspricht. Im Verlauf des Projekts haben die Schülerinnen aber gelernt, dieses Angebot als eine Möglichkeit zum Ausdruck ihrer eigenen inhaltlichen Lernziele und Interessen überwiegend anzunehmen und dann auch mit viel Engagement davon Gebrauch gemacht.

Der Reiz des Projekts lag für mich gerade darin, dass der Austausch zwischen unseren kulturell und teilweise auch sprachlich unterschiedlichen Gruppen nur bedingt planbar war. Diese Situation erforderte ein größeres Maß an Spontanität als der konventionelle Unterricht auf Seiten der Schüler und so konnten sie sich auch schnell als in der Rolle derjenigen begreifen, die für den Verlauf und Erfolg des Projektes verantwortlich waren.

Gerade weil japanische Schüler vor der gesamten Klasse manchmal Hemmungen haben, Fragen zu äußern, war zudem die gelegentliche Arbeit im Computerraum für einige Schülerinnen eine willkommene Chance, gezielte Fragen an uns Lehrer zu stellen. Die Schreibprozesse der Gruppe zu beobachten, dabei typische Fehlerursachen auszumachen und hier und da unterstützend einzugreifen, hat auch mir als Lehrer geholfen, sprachliche Probleme der Schüler besser zu verstehen.

Die unmittelbare Präsentation der Schülerarbeiten in der Webseite von Hernn Uitto und meiner eigenen nach einer bestimmten Projektphase hat die Motivation der Gruppe enorm gesteigert. Die Schülerinnen hatten dadurch die Möglichkeit, sowohl die eigenen Arbeiten bzw. die Beiträge der Mitschülerinnen im Kontext eines Themas noch einmal nachzulesen als auch später immer wieder auf die bereits erstellten Texte zurückgreifen zu können. Natürlich hatten alle auch einfach viel Spass daran, Eltern und Freunden die deutschen Texte gemeinsam mit den Fotos von sich im Internet zu zeigen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Organisation von eMail-Projekten ist die Kommunikation zwischen den Klassenleitern auf beiden Seiten, da eine Nichteinhaltung von inhaltlichen bzw. zeitlichen Absprachen den Erfolg des Austauschs beeinträchtigen kann und geplante Unterrichtseinheiten beim Fehlen von Texten und Nachrichten der anderen Seite nicht durchgeführt werden können. Glücklicherweise habe ich im Falle von Herrn Uitto einen in diesem Bezug überaus verlässlichen Kollegen kennengelernt, dessen Zielrichtung sich bei unserem interkulturellen Austausch mit meiner eigenen Herangehensweise gedeckt hat. Dies hat sicherlich ebenfalls zur insgesamt angenehmen und lockeren Atmosphäre zwischen unseren Gruppen beigetragen und mich in meinem Wunsch, auch in diesem Jahr wieder ein eMail-Projekt im Unterricht an der Oberschule einzusetzen, überaus positiv bestärkt.

Yokohama, den 18. Februar 2002

Markus Grasmück

Diese und andere Evaluationen von Bild-Projekten in den Jahren 2001/2002 sind auch hier nachzulesen.