Einig forschen, einsam beten Warum Europa die Embryonenforschung künftig fördern sollte.
Ein Gespräch mit Martin Grabert, dem Koordinator der deutschen Wissenschaft in
Brüssel die zeit: Konservative Politiker warnen, mit der Entscheidung des
EU-Parlaments werde jetzt menschliches Leben kommerzialisiert und eine
verbrauchende Embryonenforschung gefördert mit deutschen Finanzmitteln. Ist das
nicht ein Skandal? Martin Grabert: Wir sollten diesen Konflikt versachlichen und nicht
skandalisieren. Das klare Abstimmungsergebnis im EU-Parlament von 300 gegen 210
Stimmen bei 19 Enthaltungen verdeutlicht, dass man eine nüchterne Güterabwägung
treffen kann: Die überschüssigen Embryonen würden ohnehin nicht ewig aufbewahrt.
Sie mit Einverständnis des betroffenen Paares für lebenserhaltende medizinische
Forschung zu nutzen ist daher weder skandalös noch ethisch inakzeptabel für die
Mehrheit der Europäer. zeit: Justizministerin Brigitte Zypries hat den vollen Schutz der
Menschenwürde für Embryonen im Reagenzglas zur Diskussion gestellt. War dies der
Versuch, eine Brücke für die Konflikte in Brüssel und einen europäischen Konsens
zu bauen? Grabert: Ob dies eine Brücke war, kann ich nicht beurteilen. Aber es war ein
begrüßenswerter Versuch, in die dogmatisierte deutsche Debatte neue Bewegung zu
bringen. zeit: Die Herstellung embryonaler Stammzellen ist in Deutschland verboten.
Könnten deutsche Wissenschaftler am Europäischen Gerichtshof das Recht
einklagen, gleiche Forschung betreiben zu dürfen wie ihre Kollegen in den
Nachbarstaaten? Grabert: Diese Gefahr sehe ich nicht, da die europäischen Vorschriften
ausdrücklich abweichende nationale Sonderregelungen zulassen. zeit: Fachleute warnen, bei enger Auslegung unserer nationalen Vorschriften
sei auch die finanzielle Förderung europäischer Embryonenforschung strafbar.
Darf deutsches Geld für solche Projekte fließen? Verstößt in diesem Fall die
Bundesregierung gegen die eigenen Gesetze? Grabert: Ich bin kein Jurist. Ich weiß aber, dass der größte Teil der
nationalen Beiträge für die EU pauschal aus der Mehrwertsteuer stammt und dass
das Europäische Parlament über die Verwendung dieser Mittel mitentscheidet. Eine
klare Zuordnung, welcher Cent nun aus Deutschland oder Spanien oder Italien
kommt, ist unmöglich. Deshalb halte ich es für sehr spitzfindig, deutsche
EU-Zahlungen als strafbar hinzustellen. zeit: Die Regierungschefs der EU haben auf dem Gipfel von Lissabon feierlich
den einheitlichen europäischen Forschungsraum beschworen. Nationale
Eigenbrötelei führt zu teuren Parallelaktivitäten, festigt nur die
Vorrangstellung der USA. Wird die gemeinsame Forschungspolitik nicht
konterkariert, wenn nun einzelne Länder auf eigenen Wegen, etwa in der
Embryonenforschung, beharren? Grabert: Dem stimme ich zu. Europa kann nur gemeinsam die Herausforderungen
der nächsten Jahre bestehen. Deshalb ist es auch großer Mühe wert, gemeinsame
Positionen zu finden. Es wäre ein merkwürdiges Demokratieverständnis, wenn man
in einer parlamentarischen Abstimmung unterliegt und dann immer noch darauf
beharrt, mit seiner Minderheitenposition weiterhin richtungsbestimmend in Europa
zu sein. zeit: Deutsche Eigenbrötelei gibt es auch in der grünen Gentechnik. Das
zuständige Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz blockiert die
überfällige Umsetzung europäischer Richtlinien, die Nutzung gentechnisch
veränderter Pflanzen, neuerdings sogar auch die entsprechende Forschung.
Riskiert die Bundesregierung nicht die Konkurrenzfähigkeit des Landes in
wichtigen Bereichen, damit in der rot-grünen Koalition Ruhe herrscht? Grabert: Ob dies eine Blockade ist, kann ich nicht beurteilen. Allerdings
schmorte auch die Umsetzung der Biopatentrichtlinie viele Jahre in Berliner
Akten. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs hat diese Umsetzung nun
eingefordert. Wir sind auf dem Weg, Europa allmählich aus einer Kohle-, Stahl-
und Agrargemeinschaft in eine Wissensgesellschaft zu überführen, wie von den
Regierungschefs in Lissabon gefordert. Hierbei müssen wir stärker als bisher
nicht nur die Probleme im eigenen Haus beachten, sondern das Wohl des Ganzen.
Wir können nicht in Deutschland Insellösungen schaffen, sondern müssen uns auch
der Denkweise in den übrigen Staaten öffnen. zeit: Kann Deutschland auf der Sitzung des EU-Ministerrats am Mittwoch – nach
Redaktionsschluss dieser Ausgabe – ein Veto einlegen gegen die Förderung der
Embryonenforschung? Grabert: Nein, alle Beschlüsse zur EU-Forschungsförderung werden seit einigen
Jahren im Ministerrat mit qualifizierter Mehrheit gefasst. Normalerweise folgt
der Ministerrat den Vorschlägen der Kommission und des Parlaments. zeit: Wäre also Zustimmung zu erwarten? Grabert: Bereits im Sommer 2002 wurde ein Programm zur Förderung der Genomik
in der Gesundheitsforschung beschlossen. Wegen einschränkender nationaler
Gesetze wie etwa in Deutschland zur Forschung an humanen embryonalen
Stammzellen, schlug die Europäische Kommission ein Moratorium bis Ende 2003 vor.
Dann hat sie einen Änderungsvorschlag für das Programm erarbeitet, um einen
möglichst breiten Konsens zu finden. Dem hat das Europäische Parlament in der
vergangenen Woche im Wesentlichen zugestimmt. Es wäre politisch logisch, wenn
sich auch der Ministerrat anschlösse und der Förderung der Embryonenforschung
endlich zustimmte. Diese Forschung war ja bereits beschlossen und durch das
Moratorium nur für zwölf Monate ausgesetzt. zeit: Die klare Zustimmung des Europäischen Parlaments hat viele überrascht,
zumal ein erklärter Gegner dieser Forschung die Parlamentsvorlage erarbeitet
hat. Was ist da abgelaufen? Grabert: Als Berichterstatter des Parlaments wurde in der Tat der Deutsche
Peter Liese beauftragt, der die Schaffung neuer embryonaler Stammzell-Linien
ablehnt. Seine Vorstellungen fanden jedoch im zuständigen Ausschuss keine
Mehrheit. Deshalb hat er dort einen Kompromissvorschlag vorgelegt. Diesen hat er
ins Parlament eingebracht, bei der Abstimmung jedoch seinen eigenen Vorschlag
wiederum abgelehnt. zeit: Kann Deutschland im Ministerrat den Konsens im letzten Moment noch
aufbrechen? Grabert: Es werden Koalitionen geschmiedet mit anderen Ländern. Was auch
immer der Rat beschließt, ein verlängertes Moratorium wird es nicht geben. Und
die gemeinsame Forschung darf nicht unter die Räder kommen. Martin Grabert leitet die Koordinierungsstelle EG der
Wissenschaftsorganisationen (KoWi) in Brüssel. Er vertritt dort die Interessen
der großen deutschen Forschungseinrichtungen Das Gespräch führte Hans Schuh